Michael Höppner, Stefan Hoepfner, FGS

Checkliste für Abkommenunfälle

1      Allgemeines zu Abkommenunfälle. 1

2      Abkommenunfälle auf gerader Strecke. 2

2.1 Bankettbefestigung. 2

2.2 Überhöhte Geschwindigkeiten. 3

2.3 Gradiente. 3

2.4 Fahrbahnbreite. 3

2.5 Missglückte Überholmanöver 4

2.6 Bäume. 4

2.7 Einzelbäume. 5

2.8 Tiefe Gräben und Böschungen. 5

3      Abkommenunfälle in Kurven. 6

3.1 Kurvenverlauf 6

3.2 Breite/Querneigung. 7

3.3 Bankett 7

3.4 Kurven mit Bäumen. 7

3.5 Oberfläche. 8

3.6 Motoradunfälle. 8

3.7 Kurvenschneiden. 9

 

 

1          Allgemeines zu Abkommenunfälle

Fast 45 % aller Unfälle auf Landstraßen sind Abkommenunfälle. Insbesondere Hindernisse am Fahrbahnrand wie Bäume oder Pfeiler haben schwerwiegende, oft tödliche Folgen. Aber selbst wenn sich keine Bäume am Straßenrand befinden können beispielsweise tiefe Gräben zu Unfällen mit schweren Verletzungen oder gar Tod führen. Für den Unfallcheck werden im folgenden Abkommenunfälle nach der Örtlichkeit (außer-/innerorts, gerade Strecke/Kurven) unterschieden. Neben den Faktoren Straße/Fahrer werden auch Besonderheiten wie Witterungsverhältnisse, Abkommen infolge von missglückten Überholvorgängen oder das Phänomen des Kurvenschneidens betrachtet.

 

 

 

2          Abkommenunfälle auf gerader Strecke

Die Abbildung zeigt das typische Unfallmuster eines Abschnittes mit überdurchschnittlich hohem Anteil an Abkommenunfällen auf gerader Strecke. Der Unfallcheck beinhaltet folgende Fragestellungen:

·         Ist das Bankett ausreichend befestigt bzw. hoch genug?

·         Werden überhöhte Geschwindigkeiten gefahren bzw. die vorgeschriebene Geschwindigkeit überschritten?

·         Zeigt die Gradiente Unregelmäßigkeiten in Form von „Flattern der Fahrbahn“?

·         Ist die Fahrbahnbreite ausreichend?

·         Gibt es Abkommen im Zusammenhang mit Überholvorgängen?

·         Besonders wichtig: sind straßenbegleitende Bäume/Alleen oder Einzelbäume vorhanden?

·         Wie sind Böschung und Gräben beschaffen?.

 

2.1 Bankettbefestigung

Selbst Profis im Motorsport haben Probleme auf die Fahrbahn zurückzukommen sofern zwei oder mehr Reifen die Fahrbahn verlassen haben. Die untenstehde Abbildung zeigt den typischen Ablauf beim Abkommen von der Fahrbahn. Eine zu weiche Bankettbefestigung und ein zu hoher Fahrbahnrand verstärken den Schleudereffekt zusätzlich. Durch die Fahrzeugdrehung werden im Falle eines Aufpralles auf ein Hindernis  meist die „weichen“ Stellen des Fahrzeuges betroffen.

M: Um die Folgen so gering wie möglich zu halten sollte das Bankett ausreichend befestigt sein und der Abstand zwischen Bankett- und Fahrbahnoberfläche nicht mehr als 3 cm betragen.

 

Picture: FGS

Picture: Otte et.al.

Foto: fehlend

2.2 Überhöhte Geschwindigkeiten

 

Unangepasste Fahrweise durch hohe Geschwindigkeiten oder sogar die Überschreitung der Geschwindigkeitsbeschränkung kann zum Abkommen von der Fahrbahn führen, wobei die anderen genannten Faktoren die Schwere des Unfalles verstärken können.

M: Ist das Geschwindigkeitsniveau auffallend hoch bzw. dem Streckencharakter nicht angepasst sollten Geschwindigkeitsbeschränkungen in Betracht gezogen werden. Ggf. ist eine ortsfeste Überwachung einzurichten.

2.3 Gradiente

 

Eine unstete, nicht regelgerecht ausgebildete Gradiente kann insbesondere bei hohen Geschwindig-keiten zu Unsicherheiten im Fahrverhalten führen („Flattern der Fahrbahn“).

M: Neben der Geschwindigkeitsbegrenzung kommen bauliche Maßnahmen (Glätten der Gradiente) in Betracht.

2.4 Fahrbahnbreite

 

Eine unzureichende Fahrbahnbreite erhöht die Gefahr des Abkommen von der Fahrbahn. Fahrbahnbreiten unter 6,00 m sind insbesondere bei hohem Lkw-Anteil gefährlich. Speziell bei hohen Geschwindigkeiten reichen bei engem Querschnitt schon kleine Lenkbewegungen um das Fahrzeug von der Fahrbahn abzubringen.

M: Als Sofortmaßnahme kommt die Geschwindigkeitsbegrenzung in Betracht. Sofern eine Verbreiterung der Fahrbahn finanziell oder aus sonstigen Gründen nicht angebracht ist sollten zumindest bei mangelhaft ausgebildetem Bankett entsprechende Maßnahmen getroffen werden (s.dort).

2.5 Missglückte Überholmanöver

Es können infolge eines missglückten Überholmanövers neben Unfällen mit entgegenkommenden Fahrzeugen auch Abkommenunfälle auftreten. Insbesondere geringe Fahrbahnbreiten und straßenbegleitende Bäume und Alleen stellen in diesem Zusammenhang ein besonderes Gefährdungspotential dar.

-> In solchen Fällen sind Geschwindigkeitsbegrenzungen und Überholverbote geeignete Sofortmaßnahmen.

-> Besteht auf den Unfallabschnitten ein sehr starker Überholdruck ist auch ein Ausbau als 2+1-Strecke in Betracht zu ziehen.

Picture: FGS

2.6 Bäume

Bäume stellen ein besonderes Gefährdungspotential dar, ca. ein Viertel aller Unfälle in Deutschland mit Todesopfer sind Folge eines Aufpralles auf einen Baum. Besonders bedenklich ist die Tatsache, dass seitens der Autofahrer Bäume bzw. Alleen nicht oder nur in geringem Maße als Gefährdungspotential wahrgenommen werden.

 

M: Als Sofortmaßnahme sind Geschwindigkeitsbegrenzung vorzunehmen. In Bereichen von Bäumen/Alleen besteht ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Geschwindigkeit und Unfallschwere.

Selbst ein Geschwindigkeitsniveau von 70 km/h kann noch zu hoch sein, wenn man bedenkt, dass bei Baumunfällen meist die schwache Türseite der Kfz betroffen ist.

 

 

M: Aus den genannten Gründen ist die Aufstellung von Schutzplanken eine wesentlich wirksamere Maßnahme.

 

Verweis Untersuchung der Wirksamkeit von SP im Hinblick auf Baumunfälle????

 

 

 

 

 

Picture: GDV-ISK

2.7 Einzelbäume

 

Einzelbäume am Fahrbahnrand können das Fahrverhalten negativ beeinflussen. Wissenschaftliche Untersuchungen beweisen, dass Einzelbäume auf den Autofahrer wie ein Zielpunkt wirken und zum Abkommen von der Fahrbahn führen können.

M: In solchen Fällen empfiehlt sich die Rodung des betreffenden Baumes. Stehen dem naturschutzrechtliche Bedenken entgegen sollten Schutzplanken aufgestellt werden.

 

2.8 Tiefe Gräben und Böschungen

 

Tiefe Gräben und Böschungen sind gefährliche Straßenelemente. Schwedische Unfallstudien zeigen, dass bei tiefen Gräben und Böschungen im Falle des Abkommens von der Fahrbahn das Fahrzeug auf die Dachseite geschleudert wird und die Unfallfolgen entsprechend schwerwiegend ausfallen.

M: Ausbildung von möglichst flachen Mulden (Tiefe max. 0,3 m)

M: Aufstellen von Schutzplanken bei zu tiefen Gräben bzw. zu steilen (<1:1,5) oder zu hohen (>3 m) Böschungen. (Film)

 

3          Abkommenunfälle in Kurven

Abkommenunfälle in Kurven treten als Unfallhäufungspunkte in der Unfallkarte auf. Hier sind folgende Faktoren zu prüfen: :

·         Wie ist der Verlauf der Kurve?

·         Wie sind die Radien der Kurve ausgebildet?

·         Sind Breite und Querneigung der Kurve ausreichend?

·         Wie ist das Bankett ausgebildet?

·         Sind Hindernisse in Form von Bäumen im Bereich der Kurve?

·         Wie ist die Beschaffenheit der Straßenoberfläche. Sind Auffälligkeiten im Zusammenhang mit der Witterung vorhanden?

·         Sind Motorradunfälle zu verzeichnen?

·         Wird die Kurve häufiger geschnitten bzw. die Mittellinie überfahren?

 

3.1 Kurvenverlauf

 

Kurven – nicht erkennbarer Verlauf

Fehlende seitliche Elemente oder topographische Begebenheiten lassen den Verlauf einer Kurve oftmals nicht genau erkennen. Problematisch sind insbesondere Kurven im Bereich von Kuppen, da hier neben dem horizontalen auch ein vertikaler Wechsel in der optischen Linienführung stattfindet.

 

M: Vorankündigung durch Beschilderung

Weitere Maßnahmen sind Geschwindigkeitsbegrenzung und/oder Richtungstafeln (s.a.u)

SVS02062.JPG
SVS CA02 Bild 062
AO-S (34)
Kurvenbeschilderung bei Burlo
Kreis Borken

Kurven - Radien

Neben einem ausreichenden Radius und dem Vorhandensein von Übergangsbögen ist die Abfolge der Kurven im Streckenverlauf zu beachten.

Problematisch sind beispielsweise abrupte Wechsel von großen und kleinen Radien, kurze Geraden zwischen den Kurven, Kurven mit stetig zunehmender Krümmung (Eiklothoide), enge Kurven ohne Übergangsbögen (geknickte Fahrbahn).

 

M: Aufstellen von Richtungstafeln, Geschwindigkeitsbegrenzung

Das Aufstellen von Richtungstafeln ist besonders effektiv: Mit 1 Euro Maßnahmeneinsatz lassen sich  die Unfallkosten um 45 Euro senken.

 

SVS02062.JPG
SVS CA02 Bild 062
AO-S (34)
Kurvenbeschilderung bei Burlo
Kreis Borken

3.2 Breite/Querneigung

Die erforderliche Fahrbahnbreite bzw. die Mindestquerneigung in Kurven ergibt sich in Abhängigkeit von den Radien (RAS-L). Bei zu schmaler Fahrbahn besteht die Gefahr des Abkommens bzw. Schneidens der Kurve.

 

M: Geschwindigkeitsbeschränkung ggf. Richtungstafeln

3.3 Bankett

 

Ausgefahrene Bankette im Kurven können zu schweren Schleuderunfällen führen. Sie geben ferner den Hinweis auf eine nicht ausreichende Fahrbahnbreite.

 

M: Auffüllen des Banketts mit Asphalt, Verbreiterung mindestens der „Innensicheln“

3.4 Kurven mit Bäumen

 

Bäume im Bereich von Kurven stellen ein besonderes Gefährdungspotential dar.

 

M: Das Aufstellen von Schutzplanken ist die sicherste Maßnahme zur Verhinderung von schweren Unfällen.  Weitere mögliche Maßnahmen sind Geschwindigkeitsbeschränkung und das Aufstellen von Richtungstafeln.

SVS02062.JPG
SVS CA02 Bild 062
AO-S (34)
Kurvenbeschilderung bei Burlo
Kreis Borken

3.5 Oberfläche

 

Ein schlechter Zustand der Fahrbahnoberfläche stellt insbesondere im Zusammenhang mit ungünstigen Witterungsverhältnissen ein hohes Gefährdungs-potential im Bereich von Kurven dar. Speziell Unfälle bei Nässe deuten auf eine mangelnde Griffigkeit (grip) der Straßenoberfläche hin.

 

M: Geschwindigkeitsbegrenzung (ggf. bezogen auf Witterung)

M: Erneuerung der Oberfläche

Glätte

 

Bestimmte topographische Begebenheiten wie z.B. offene Flächen an Waldrändern oder Kaltluftsammelbecken können die Glatteisbildung fördern. Auch liegen Erkenntnisse vor, dass im unmittelbaren Bereich von Kraftwerken durch den erhöhten Niederschlag die Glatteisbildung gefördert wird.

 

M: Neben Warnhinweisen und Geschwindigkeitsbegrenzung besteht die Möglichkeit mit thermosensiblen Markierungen das Fahrverhalten zu beeinflussen.

3.6 Motorradunfälle

 

Motorradunfälle in Kurven stehen oftmals im Zusammenhang mit mangelnder Griffigkeit der Fahrbahn. Der Einbau einer Asphaltdecke mit gröberen Korn kann die Unfallrate beträchtlich reduzieren wie Beispiele im Bundesland Brandenburg zeigen.

 

Bei Einbau von Schutzplanken ist bei Unfällen mit Motorradbeteiligung in jedem Fall auf den Einbau eines Unterfahrschutzes zu achten. Die Polsterung der Pfosten hat sich als nicht ausreichend erwiesen.

Verbesserungen bei Strecken mit Motorradunfällen sind in einem Bericht aus Bayern beschrieben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

YCD45027.JPG
CD 45, Bild 027
Dia 72So-03
Projekt SVS
AOKU

3.7 Kurvenschneiden

 

Mängel in der Straßengestaltung wie z.B. zu enge Radien oder fehlende Übergangsbögen (Klothoiden) können sich negativ auf das Spurverhalten in Kurven auswirken. Je nach Spurverhalten (s. Abbildung oben) führen fahrgeometrische Probleme zum Abkommen von der Fahrbahn.

M: Für sichere Fahrlinien ist ein regelgerechter  Querschnitt (ausreichende Breite) besonders wichtig. Ebenfalls von Bedeutung ist die regelgerechte Ausbildung eines Übergangsbogens.

M: Besteht nicht die Möglichkeit die Kurve abzuflachen oder zu verbreitern sollte die Mittenmarkierung  durchgezogen werden und ein Überholverbot ausgesprochen werden.

Sollte die Kurve trotz durchgehenden Mittenmarkierung weiter geschnitten werden ist die Barrierewirkung mittels Leitfähnchen oder mit baulichen Trennelemente zu erhöhen. Beim Trennelement sind Beginn bzw. Ende des Trennelements optisch zu verdeutlichen.